OttoÜberblick

Disclaimer: Dieser Erfahrungsbericht basiert ausschließlich auf den persönlichen Erfahrungen mit einem individuellen Hund und beschreibt dessen spezifisches Verhalten, Wesen und Entwicklung in bestimmten Situationen. Die dargestellten Erfahrungen sind nicht pauschal auf alle Hunde dieses Typs oder dieser Rasse übertragbar und stellen keinerlei Trainingsanleitung dar. Sie dienen vielmehr als persönliches Beispiel und sollen einen individuellen Erfahrungswert vermitteln.

Leben mit einem Herdenschutzhund-Mischling: Wenn der Hund seinen eigenen Plan hat

Als wir uns für einen Hund entschieden haben, hatten wir natürlich eine Vorstellung davon, wie unser gemeinsames Leben aussehen könnte: Spaziergänge auf Wiesen, Ausflüge, vielleicht ein bisschen Sport und ein Hund, der entspannt an unserer Seite durchs Leben geht.
Dann kam Otto.
Seit rund sechs Jahren lebt unser Herdenschutzhund-Mischling bei uns. Laut DNA-Test trägt er unter anderem Anatolischen Hirtenhund und Laika in sich – und noch einige weitere Rassen.
Mit Otto kam nicht einfach nur ein Hund in unser Leben, sondern ein sehr eigener Charakter. Ein Hund, der uns gezeigt hat, dass man die eigenen Vorstellungen davon, wie ein Hund sich verhalten sollte, manchmal loslassen muss.
Über die Jahre haben wir viel über Herdenschutzhunde und vor allem über Otto gelernt und auch mit der Unterstützung von Trainern an bestimmten Situationen immer wieder gearbeitet.
Heute frage ich mich manchmal: Passt Otto eigentlich so gut zu unserem Leben – oder haben wir unser Leben einfach an ihn angepasst?
Wahrscheinlich ist es beides.

Ruhig und souverän – zumindest auf den ersten Blick

Otto wirkt auf viele Menschen unglaublich souverän. Er ist ruhig, drängt sich nicht in den Mittelpunkt und beobachtet erst einmal. Wenn wir irgendwo sind, liegt er oft einfach da und hat alles im Blick.
„Oh, der ist ja lieb. Und so ruhig!“
Ja. Ist er.
Meistens jedenfalls.

Denn hinter dieser ruhigen Fassade steckt ein Hund, der sehr genau beobachtet und bewertet. Otto ist im Kern eher unsicher, fühlt sich aber gleichzeitig schnell verantwortlich. Und genau diese Kombination macht das Zusammenleben mit ihm besonders – und manchmal anstrengend.
Er entscheidet nicht einfach nur, ob ihm etwas gefällt oder nicht. Er überlegt offenbar auch: Muss ich mich darum kümmern? Ist das meine Aufgabe?
Das zeigt sich auch beim Rückruf. Wie vermutlich viele Hundebesitzer haben wir anfangs intensiv trainiert, damit Otto zuverlässig zurückkommt. Mit der Zeit haben wir allerdings verstanden, dass unsere Kommandos bei ihm manchmal eher als Vorschläge ankommen. Dann entscheidet er selbst, ob er sie gerade sinnvoll findet.
Da helfen auch die besten Leckerchen nur bedingt.
Deshalb bleibt die Leine meistens dran. Freilauf gibt es in eingezäunten Gebieten oder an Orten, die wir gut kennen und einschätzen können. Denn selbst auf bekannten Strecken kann es passieren, dass Otto unseren Rückruf hört, kurz darüber nachdenkt und offensichtlich entscheidet: Nein, danke. Ich kenne den Weg. Ich gehe weiter.
Früher hat mich das frustriert. Ich wollte unbedingt, dass Otto auf schönen Ausflügen frei laufen kann, und habe mich schlecht gefühlt, wenn das nicht möglich war.
Irgendwann habe ich verstanden, dass es für ihn entspannter ist, in unbekannten Gegenden an der Leine zu bleiben. So kann ich ihm Orientierung geben und ihm Verantwortung abnehmen.

Otto passt auf seine Herde auf

Otto nimmt seine Aufgabe, auf uns aufzupassen, ernst.
Menschen, die zu uns gehören, werden überprüft. Situationen werden eingeschätzt. Und manchmal möchte Otto offenbar sehr genau wissen, wer eigentlich zu seiner Herde gehört.
Bei einem 60. Geburtstag in der Familie zeigte sich das besonders deutlich. Als alle Gäste am langen Tisch saßen, ging Otto systematisch von Person zu Person und kontrollierte jeden einzelnen. Für die Gäste war das teilweise überraschend, sie nahmen es aber mit Humor.
Für Otto war die Sache danach erledigt. Alle waren überprüft, also konnte er sich hinlegen und schlafen – solange niemand aufstand oder den Raum verließ.
Im Restaurant sieht das anders aus. Dort zeigt sich sein territoriales Verhalten besonders deutlich. Wenn plötzlich ein Kellner an unseren Tisch kommt, kann Otto sehr schnell reagieren. Aus seiner Sicht nähert sich schließlich jemand einem abgegrenzten Bereich, den er nicht kennt und nicht eingeplant hat.
Das ist einer der Momente, in denen wir merken: Sein Verhalten hat nicht unbedingt etwas mit Ungehorsam zu tun. Otto nimmt Situationen einfach anders wahr und kommt manchmal zu einer anderen Einschätzung als wir.
Unsere Aufgabe ist deshalb, Situationen so zu managen, dass er sich nicht selbst darum kümmern muss.
Restaurantbesuche vermeiden wir inzwischen meistens. Für Otto und für uns ist es entspannter, wenn er zu Hause bleibt. Wenn es sich einmal nicht vermeiden lässt, liegt er unter dem Tisch und wir schirmen ihn mit unseren Beinen ab. Bevor der Kellner kommt, sprechen wir ihn an und bereiten ihn auf die Situation vor.
Anstrengend? Ja.
Und dieses Prinzip lässt sich auf viele andere Situationen übertragen: Otto braucht Klarheit und Sicherheit, damit er nicht das Gefühl bekommt, selbst handeln zu müssen.

Grenzen, die für ihn selbstverständlich sind

Eine Sache, die ich an Otto faszinierend finde, ist sein Verständnis für räumliche Grenzen.
Wir waren einige Male in einem Park mit einer großen Wiese, auf der viele Hunde spielten. Die anderen Hunde bewegten sich über die gesamte Fläche und auch auf den Wegen drumherum.
Otto kam gar nicht auf die Idee, die Wiese zu verlassen.
Für ihn war die Grenze offensichtlich:
Wiese: ja.
Alles dahinter: nein.
Er brauchte dafür keine Anweisung. Die Grenze schien für ihn einfach klar zu sein.
Zu Hause zeigt sich diese Orientierung allerdings auch in einer anstrengenderen Form. Wenn Otto das Gefühl hat, einen Bereich nicht ausreichend überwachen zu können, wird er unruhig. Er möchte wissen, was passiert und den Überblick behalten.

Wohnung oder Haus? Wir dachten, mehr Platz wäre besser

Als Otto zu uns kam, lebten wir in einer Wohnung. Rückblickend glaube ich, dass ihm das in mancher Hinsicht sogar geholfen hat.
Er hatte dort weniger Möglichkeiten, sich für alles verantwortlich zu fühlen. Keine bodentiefen Fenster, durch die er ständig nach draußen schauen konnte. Keinen Garten, den er überwachen musste. Kein Grundstück, das plötzlich zu seinem Territorium wurde.
Heute wohnen wir etwas weiter außerhalb und haben einen kleinen Garten und bodentiefe Fenster. Eigentlich also genau das, was man sich für einen Hund wünschen könnte.
Für Otto bedeutet das aber auch: mehr zu bewachen.
Er kann stundenlang im Garten liegen und beobachten, was draußen passiert. Am liebsten würde er dort bleiben, bis seine Wache beendet ist. Das führt regelmäßig dazu, dass wir irgendwann frieren ;), während Otto noch keinen Grund sieht, wieder ins Haus zu kommen.
Auch das Alleinbleiben ist schwieriger geworden. Je mehr Möglichkeiten Otto hat, seine Umgebung zu kontrollieren, desto mehr fühlt er sich offenbar dafür verantwortlich.
Mehr Platz bedeutet also nicht automatisch mehr Entspannung.
Für uns heißt das, Otto bewusst aus der Verantwortung zu nehmen – untere Teile der Fenster mit Milchglasfolie ankleben, seinen Kontrollbereich zu begrenzen und ihm ausreichend Ruhezeiten zu ermöglichen.
Unser Alltag ist inzwischen gut auf ihn abgestimmt. Otto geht regelmäßig mit einer Dogwalking-Gruppe spazieren und besucht eine Huta. Beides funktioniert gut, weil er freundlich mit anderen Hunden ist und dort Dinge tun kann, die ihm liegen: gemeinsam mit einer Hundegruppe unterwegs sein, zwischendurch mal spielen, buddeln, beobachten und das Geschehen im Blick behalten.

Otto spricht – und zwar ziemlich deutlich

Wenn Otto etwas möchte, kommuniziert er das erstaunlich klar. Er hat seine ganz eigene Sprache und kann durchaus laut werden. Wenn er „Wuhhuu“’end aus dem Nebenzimmer läuft, kann das zum Beispiel bedeuten, dass er mit der aktuellen Situation nicht einverstanden ist oder Aufmerksamkeit möchte.
Auch seine Körpersprache lernt man bei ihm schnell zu lesen und er kommuniziert auch gegenüber anderen Hunden sehr klar aber ruhig.

Otto ist kein Hund, den man für alles mit einem Leckerli begeistern kann. Normales Futter? Eher uninteressant.
Käse?
Jetzt wird es interessant.
Auch Spielzeug ist nicht automatisch der Schlüssel zu seinem Herzen. Natürlich bekommt Otto manchmal seine verrückten fünf Minuten und flitzt los. Dafür müssen die Bedingungen aber stimmen. Sand oder Schnee helfen dabei. Lange hält das Spektakel meist nicht an.
Dann ist wieder alles wie vorher:
ruhig,
beobachtend,
souverän.

Kuscheln? Eher nicht so

Auch beim Kuscheln mussten wir unsere Erwartungen anpassen.
Otto ist kein Hund, der ständig Körperkontakt sucht. Es hat sicherlich knapp zwei Jahre gedauert, bis er von sich aus angefangen hat, uns zum Streicheln aufzufordern.
Zwei Jahre sind eine lange Zeit.
Rückblickend war es aber eine wichtige Lektion. Bei Otto muss man manche Dinge nicht erzwingen, sondern ihm die Zeit geben, selbst zu entscheiden, wann er bereit dafür ist.
Als er irgendwann von sich aus kam, war es dafür umso schöner.

Stur wie ein Esel

Wenn Otto etwas nicht möchte, dann möchte er es nicht.
Punkt.
Dann steht er.
Oder er sitzt.
Und er sitzt sehr sehr überzeugend.
Manchmal weiß man schon nach kurzer Zeit, dass eine Diskussion mit ihm nichts bringen wird. Otto wird nicht plötzlich sagen: „Stimmt, du hast recht.“
Er bleibt einfach sitzen.
Diese Sturheit kann anstrengend sein. Gleichzeitig gehört sie zu seinem Charakter. Otto ist kein Hund, der alles tut, nur weil wir es gerne hätten.
Vielleicht ist das eine der größten Herausforderungen im Zusammenleben mit einem Herdenschutzhund-Mischling: Man muss lernen, zwischen „Das muss jetzt sein“ und „Ich hätte das jetzt gerne“ zu unterscheiden.

Reisen mit Otto hat uns entschleunigt

Auch beim Reisen hat Otto uns einiges beigebracht.
Ortswechsel stressen ihn. Neue Umgebungen bedeuten neue Gerüche, Geräusche und Grenzen – und damit viele neue Dinge, die eingeschätzt werden müssen.
Früher sind wir auf Reisen schneller von einem Ort zum nächsten gewechselt, um möglichst viel zu sehen. Heute bleiben wir länger an einem Ort und schaffen uns dort eine feste Basis. Von dort aus machen wir Ausflüge und achten auf ausreichend Ruhezeiten.
Wir haben gelernt: Otto braucht nicht fünf verschiedene schöne Orte. Ein Ort, an dem er sich sicher fühlt, ist für ihn oft wertvoller.
Ganz nebenbei hat er damit auch unser eigenes Reiseverhalten verändert. Dennoch reisen wir sehr gerne gemeinsam mit Otto und er hat mit uns gemeinsam schon in verschiedenen Hotels, Ferienwohnungen und sogar auf der Fähre übernachtet. Was er wirklich toll macht.
In Summe sind wir aber langsamer beim Reisen geworden. Und das tut auch uns gut.

Das Leben mit Hund, das wir uns vorgestellt hatten?

Vor der Anschaffung eines Hundes entstehen schnell Bilder im Kopf: gemeinsame Spaziergänge, Ausflüge, Picknicks, vielleicht Joggingrunden und ein Hund, der entspannt neben einem herläuft.
Mit Otto funktioniert vieles davon nicht so, wie wir es uns vielleicht mal vorgestellt haben. Manches funktioniert gar nicht. Und manches hat einfach länger gedauert.
Wir haben gelernt, was wir ihm zumuten können und was nicht. Wir wissen, welche Situationen schwierig für ihn sind, wann er eine Pause braucht und wann wir genauer hinschauen müssen.
Vor allem haben wir verstanden, dass ein gutes gemeinsames Leben nicht bedeutet, dass der Hund in das Leben passt, das man sich vorher ausgedacht hat.
Manchmal entwickelt man gemeinsam ein neues Leben.
Eines, das für beide funktioniert.

Was bleibt?

Otto hat uns gezwungen, langsamer zu werden und genauer hinzusehen.
Er hat uns gezeigt, dass ein ruhiger Hund nicht automatisch ein entspannter Hund ist. Dass ein souverän wirkender Hund gleichzeitig unsicher sein kann. Dass nicht jede Situation mit einem Leckerli gelöst werden kann. Und dass man nicht jede Grenze testen muss.
Vor allem aber haben wir gelernt: Ein Hund, der sich verantwortlich fühlt, braucht nicht unbedingt mehr Freiheit oder mehr Möglichkeiten. Manchmal braucht er vor allem die Sicherheit, dass jemand anderes die Verantwortung übernimmt.
Das Leben mit Otto ist nicht immer einfach. Es ist manchmal anstrengend, kompliziert und anders, als wir es uns vorgestellt hatten.
Aber es ist auch spannend und oft ziemlich lustig (Ich mein allein das er uns verbal mitteilt, das er genervt ist, immer wieder ein Highlight ;))
Otto ist kein Hund, der einfach mitläuft.
Er beobachtet. Er hinterfragt. Er kommuniziert. Er entscheidet.
Und wir haben gelernt, dass ein erfülltes Leben mit Hund nicht darin besteht, möglichst viel mit ihm zu machen.
Sondern herauszufinden, was man gemeinsam machen kann – und was man besser sein lässt.

Teile diesen Beitrag

Ähnliche Beiträge

Dringend! Pflegestellen ab Juni gesucht

Wir suchen Pflegestellen für unsere Hunde, denn im Juni wird der nächste Transport nach Deutschland stattfinden. Wer noch Fragen hat: Am 10. Mai um 18:30 Uhr findet online ein Info-Abend „Pflegestelle sein“ statt. Jetzt schnell noch anmelden!

Weiterlesen

Unsere Highlights in 2025

2025 neigt sich dem Ende zu und ein ereignisreiches Jahr liegt hinter uns. Ein Jahr, in dem wir viel erreicht haben und deren Meilensteine wir gerne mit euch teilen möchten. Denn nur durch eure Unterstützung und Spenden war dies alles möglich.

Weiterlesen
Nach oben scrollen