Erfahrungsbericht Pflegestelle

… Wenn sich der Hund zum Weihnachtsschmuck schlafen legt – oder: Vom ganz normale Wahnsinn, Pflegestelle zu sein…

Vom Ankommen bis zum Loslassen: Eine turbulente Wissensreise in 6 Lektionen

Ohne die engagierten und scheinbar niemals erschöpften Tierliebhaber:innen, die sich und ihr ganz privates Umfeld als Pflegestelle zur Verfügung stellen, wäre im Tierschutz alles nichts, auch beim Verein „Balkanschnauzen und Heimatpfoten e.V.“ Doch was genau bedeutet es eigentlich, Pflegestelle zu sein? Welche Herausforderungen warten? Ist es Tragödie, Komödie oder von beidem ein bisschen? 

Wer sich dem Alltag einer Pflegestelle annähern will, tut wahrscheinlich das, was heute viele Menschen machen, wenn sie ihren Horizont erweitern möchten: sie befragen ChatGPT. Die Antwort der KI: simpel, sachlich – und somit wahrscheinlich ziemlich weit entfernt von dem, was eine Pflegestelle tatsächlich ausmacht:

„Eine Pflegestelle im Tierschutz ist ein vorübergehendes Zuhause, das einem geretteten Tier bis zu seiner endgültigen Vermittlung Sicherheit, Fürsorge und familiären Alltag bietet. Die Pflegeperson lernt das Tier kennen, begleitet seine Entwicklung und kann dadurch wichtige Informationen über sein Wesen und seine Bedürfnisse an die zukünftige Familie weitergeben.“

Die Grenzen dieser Definition liegen auf der Hand und mir wird klar: Wer wirklich in die komplexe Materie eintauchen will, braucht lebensechte Erfahrungen frei von Floskeln oder trockenen Ausführungen – am besten in Form eines Gesprächs mit jemandem, der sich vor einiger Zeit auf das Abenteuer „Pflegestelle“ eingelassen hat und für den Verein „Balkanschnauzen und Heimatpfoten e.V.“ ehrenamtlich tätig ist.

Der verabredete Austausch zwischen Birgit und mir braucht keinen Icebreaker. Wir verstehen uns auf Anhieb und meine Neugier ist sofort geweckt. 

Lektion 1: Sei angstfrei und mutig​​

Was ich zuerst von Birgit lerne: Die Begriffe Pflegestelle und Panik passen nicht zueinander. Sprich: Hab keine Angst, Fehler zu machen. Ein Hund aus dem Tierschutz ist anpassungsfähiger als du glaubst, denn diese Eigenschaft war seine Lebensversicherung. Grundkenntnisse in Sachen Hundehaltung sollten vorhanden sein, alles andere ist Learning by Doing. Das Beobachten und Erleben des Hundes wird dich mit großer Wahrscheinlichkeit auf den richtigen Weg führen, wenn dein Herz aufrichtig für Tiere schlägt.

Lektion 2: Einfühlungsvermögen und Heiterkeit sind wichtige Pfeiler

Ohne Empathie und Humor wird es schwierig, sich auf die teilweise stark vom Leben gebeutelten Vierbeiner einzulassen, denn mit großer Wahrscheinlichkeit wird vieles anders laufen, als zuvor geplant, als zuvor durchdacht. Mir wird bereits zu Beginn unseres Gespräches eines klar: Auch die Worte Pflegestelle und Perfektionismus sollten sich lieber aus dem Weg gehen, denn wer einen geretteten Tierschutzhund aufnimmt, darf erst einmal nichts von ihm erwarten. Nichts? Falsch: Wer einen Hund, nach all den Entbehrungen – nach Hunger und Durst, Angst oder Schmerzen – in sein Haus bittet, wird oft erstaunlich schnell beschenkt: mit Zuneigung oder auch schon einmal einer ausgewachsenen Kuschelsucht, die durchaus das Potenzial hat, den gewohnten Tagesablauf komplett neu strukturieren zu müssen. Alles andere braucht nicht selten Zeit, Training und vor allem eines: viel Geduld. Heitere Momente sind nicht selten. Sie legen sich am Ende des Tages über die kleinen Misserfolge oder Rückschritte.

Lektion 3: „Pflegi“ ist nicht gleich „Pflegi“

Das bekannte rheinische Sprichwort „Jeder Jeck ist anders!“ trifft auch und gerade auf Hunde zu, die wahrscheinlich zum ersten Mal Liebe und Fürsorge erfahren. Denn es macht einen großen Unterschied, ob ein Tierschutzhund traumatische Erfahrungen durchstehen musste oder ob ein Hund noch im Welpenalter ist und daher recht unbefangen und angstfrei durchs Leben geht. Wer einen Pflegehund aufnimmt, sollte weder Dankbarkeit noch überschäumende Motivation von ihm erwarten. Es kann dauern, bis aus einer ängstlichen Maus ein Musterschüler wird. Bei manchen Hunden setzt zunächst sogar ein ausgeprägter Fluchtreflex ein – schließlich können sie nicht wissen, dass man es wirklich gut mit ihnen meint und ein geliebtes Leben auf sie wartet. Deswegen hat das Sichern eines „Pflegis“ oberste Priorität. Nicht ohne Grund trägt jeder Hund, der ausreist, ein Sicherheitsgeschirr, das besonderen Halt bietet und ein Ausbüxen verhindern soll. Die doppelte Leine bei Gassi-Runden ist absolute Pflicht, auch wenn dies gelegentlich zu kuriosen Situationen führt. Birgit erinnert sich lachend an einen Spaziergang, der darin gipfelte, dass ihr Pflegehund mehrmals um sie herumrannte und sie am Ende Marterpfahl ähnlich gefesselt dastand. Diese lustige Anekdote bringt mich zur nächsten Frage. Was, wenn mal etwas passiert, der Hund beispielsweise nach jemandem schnappt, weil er sich beispielsweise bedroht fühlt?

Lektion 4: Ein verantwortungsvoller Verein stützt jede Pflegestelle

Ein Pflegestelle muss wichtige Entscheidungen nicht allein treffen. Für Hundefreunde, die mit dem Gedanken spielen, dieses Ehrenamt auszufüllen, ist diese Lektion vielleicht die wichtigste. Der Verein „Balkanschnauzen und Heimatpfoten e.V.“ stellt für jeden Hund, der nach Deutschland einreist, eine Haftpflichtversicherung. Auch die Tierarztkosten werden übernommen, Impfungen und Entwurmungen im Vorfeld sind selbstverständlich.  Was jedoch viel relevanter ist, so Birgit, die aus Erfahrung spricht: Der Verein steht hinter dir und reagiert sehr schnell, wenn Fragen oder Unsicherheiten auftreten. Es muss sich also niemand alleingelassen fühlen, der das Abenteuer „Pflegestelle“ wagen will! Apropos allein. Eine für mich unglaublich traurige Vorstellung ist die des Abschieds von einem Pflegehund. Ein Paradox, denn das Ziel besteht ja darin, für jeden Hund  möglichst schnell die passende Endstelle zu finden.

Lektion 5: Der „Pflegi“ ist der Grund für mein Engagement

Es ist völlig in Ordnung, Tränen zu vergießen, wenn die Trennung ansteht. Birgit wählt eine recht rationale Formulierung: „Hundeliebhaber gibt es viele!“, sagt sie. Was genau sie damit meint? Es geht um den Hund, nicht um die Gefühle, die man als Pflegestelle für ihn entwickelt hat. Selbstverständlich entsteht eine Bindung, vor allem, wenn man mit dem Ehrenamt beginnt und der erste „Pflegi“ bei einem einzieht. Zaghafte Spaziergänge, vorsichtige Kuscheleinheiten, das Bürsten des Fells oder Übungen, um das Hunde-1×1 zu festigen, der ängstliche Sprung aufs Bett, wenn in der Nacht ein Gewitter tobt… . All das brennt sich ein in das liebende Herz und ist der Hauptgrund, warum sich so viele Menschen für Tiere in Not engagieren. Birgit hat zu ihren bisherigen Pflegehunden noch Kontakt, was ihr hilft, loszulassen, wenn die ersehnte Endstelle gefunden ist.

Lektion 6: Jeder “Pflegi“ hinterlässt Spuren im Herzen

Am Ende unseres Gesprächs bleibt vor allem ein wunderschöner Gedanke in mir haften: Jeder Hund, der für eine gewisse Zeit auf eine Pflegestelle lebt, hinterlässt bei diesen Menschen Spuren – prägende Fußtapsen im Herzen. Genau das macht dieses Engagement so einzigartig und wunderbar. 

Birgits Pflegehund Bo hat einen ganz besonderen Moment geschaffen, den Birgit mit der Kamera festhalten konnte. Beim Abschmücken des Weihnachtsbaumes stellte sie plötzlich fest: Bo war unauffindbar. Die Familie suchte fieberhaft, doch alle Lieblingsplätze waren leer. Nach gefühlt endlosem Suchen löste sich das Rätsel: Bo hatte einen neuen Lieblingsplatz gefunden. Auf den Tisch gesprungen, schlief er dort seelenruhig zwischen Weihnachtskugeln und Lametta.

Ein wunderbarer Moment mit einem glücklichen „Pflegi“ – sicher, geborgen und offenbar rundum zufrieden. Und einer, der zeigt: Der Alltag auf einer Pflegestelle ist alles andere als gewöhnlich – und schon gar nicht planbar.

Autor: Carmen

Wir danken all unseren Pflegestellen, die sich immer wieder für die Hunde einsetzen und ihnen zu einem neuen Leben verhelfen und insbesondere Birgit für den schönen Einblick. 

Eindrücke von ein ein paar Pflegis, die bereits ihr Zuhause gefunden haben:

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